Sommer 2026

6 Minuten

Tschernobyl-Kinder in Großhansdorf!

PRYVIT-Sommer 2026 vom 1. bis 22. August

Wir hatten das Schullandheim Erlenried schon am Vorabend vorbereitet. „Unsere“ ukrainischen Jungs haben beim Materialtransport geholfen und ukrainische Frauen haben die Betten bezogen und jedem Kind ein Kuscheltier darauf gelegt. Und da waren sie nun endlich, nach mehr als 24 Stunden Anreise mit einem Reisebus – von Schytomyr über Lwiw, Cottbus, Berlin! Todmüde, aber froh, endlich angekommen zu sein.

Ein wenig ängstlich und in sich gekehrt wirkten sie zunächst. Und dann erkundeten sie erstmal das herrliche Heimgelände vom Schullandheim Erlenried. Zum Betreuer-Team gehörten die ukrainische Lehrerin Alla, die seit Kriegsbeginn 2022 in Großhansdorf lebt, dazu Oksana, eine pensionierte Deutschlehrerin aus Schytomyr, Ivanna, eine Musikerin aus Narodychi und Olha, eine Studentin der Medizin und Anglistik aus Ivano-Frankivsk. Und damit alle Kinder sich hier gut erholen konnten, wurde Mittagsruhe angeordnet, wenn die Gruppe nicht gerade unterwegs war. Viele Kinder lasen dann gern und waren sehr begeistert von unserer kleinen ukrainischen Bibliothek.

Gleich in den ersten Tagen wurden die Kinder von den freundlichen Damen vom DRK in Großhansdorf und von Hanseatic Help am Ballindamm eingekleidet, mit Schuhen versorgte sie die AWO Ahrensburg. Der Kinderarzt Dr. Behrens untersuchte alle Jungen und Mädchen gründlich, zum Teil mit der Empfehlung weiterer Untersuchungen bei Fachärzten, um bedenkliche Ergebnisse abklären zu lassen. Später waren die Kinder auch in der Klinik Manhagen, wo die Ärzte sich einen ganzen Tag Zeit nahmen für sorgfältige Untersuchungen der Augen und dann acht Brillen verordneten, die der großzügige Optiker in Großhansdorf, York Johann-to-Settel, ihnen spendete. Manche Kinder mit – 6 Dioptrien erhielten das erste Mal eine Brille. Da staunten sie, wie scharf sie plötzlich sehen konnten!

Die Zahnärztin Frau Strachanowski aus Ahrensburg ließ zunächst Röntgenaufnahmen der Zähne machen um sich einen Überblick zu verschaffen und reparierte dann zusammen mit ihrer Kollegin Frau Schawe in einem Marathon stundenlang liebevoll viele, viele Zähne. Einige sehr zerstörte Zähne mussten auch vom Kieferchirurgen gezogen werden, bei einem ängstlichen Mädchen unter Narkose. Auch das Gehör aller Kinder wurde wieder untersucht, von den Dozenten der Akademie für Hörakustik in Lübeck. Mehrere Kinder konnten wieder gut hören, nachdem das Ohrenschmalz aus ihrem Gehörgang beseitigt war. Ein Mädchen mit Skoliose wurde in der Schön Klinik geröntgt und beraten über das weitere Vorgehen. Pryvit wird hier ggf. weiter begleiten. Auch die Endokrinologie der Schön Klinik in Eilbek half wieder, mit kostenlosen Untersuchungen der Schilddrüse, die wegen der radioaktiven Strahlung in der Tschernobyl-Zone gefährdet ist. Zum Glück gab es keinen besorgniserregenden Befund. Wir danken allen Menschen, die sich hier so für die Gesundheit der Tschernobyl-Kinder eingesetzt haben!

Aber viel schöner waren natürlich all die Ausflüge, die wir mit den Kindern unternahmen: Mit den Großen ging es zum Paddeln an die Trave, wo ein Junge aus lauter Leichtsinn im Boot aufstand und ins Wasser fiel. Zum Glück gab es trockene Wechselkleidung im Bootshaus! Mit der ganzen Gruppe ging es ins Arriba Freizeitbad in Norderstedt, wobei viele Kinder Schwimmflügel brauchten, weil in der Tschernobyl-Region nur die Hälfte der Kinder schwimmen gelernt hatte. Viel Spaß hatten sie auch bei der Feuerwehr Großhansdorf, da ging es mit der Feuerleiter hoch hinaus! Ehemalige Feuerwehrleute fuhren die Kinder auch mit einem Mannschaftswagen zum DRK, zur Manhagen Klink und zum Paddeln nach Bad Oldesloe. Äußerst freundlich wurde die Gruppe auch im Rathaus Großhansdorf vom neuen Bürgermeister Andreas Bitzer empfangen, der die Kinder durch das ganze Rathaus führte, wo sie sogar auf seinem Arbeitsstuhl Platz nehmen durften. Zwei Jungen meinten, sie würden gern Bürgermeister werden. Schließlich wurden die Kinder noch mit einem Umschlag beglückt, mit dem sie anschließend in einem echten deutschen Supermarkt einkaufen gehen durften. Da war die Freude groß! Und was ist eigentlich ein Flaschenautomat? Ebenso eindrucksvoll war der Besuch im Tierpark Hagenbeck. Vor allem die Elefanten, Bären und Affen haben es ihnen angetan. Und dann waren wir im Kletterwald Meiendorf, wo die Kinder mit großer Geschicklichkeit hoch hinauf in die Bäume kletterten und kein Ende finden wollten.

In diesem Jahr ging es außerdem ins Sealife in Travemünde, wo die Kinder begeistert alle fremden Wassertiere fotografierten, am Strand das kalte Osteewasser mit den Füssen testeten und Steine sammelten. Der traditionelle Ausflug an die Ostsee in Dahme, wohin wir wieder von den zwei lieben Schwestern Susann Heins und Anne-Katrin Stanitzke eingeladen waren, fiel diesmal leider ins Wasser. Das Wetter war einfach zu nass und kalt zum Baden. Das war sehr schade! Einmal gab es eine große Extralieferung Obst und Gemüse, einmal wurden die Kinder in den heißen Tagen mit Nori-Eis verwöhnt, einmal brachte jemand Marzipan, und auch den von den Lions Großhansdorf organisierten herrlichen Grillabend haben die Kinder genossen.

Den Abschluss bildete ein Ausflug in die Hamburger City. Dabei hat den Kindern besonders die Fahrt mit der Elbfähre gefallen. Wie sie über die riesigen Containerschiffe staunten! Auch der Blick von der Terrasse der Elbphilharmonie über den Hafen und in die City hat sie sehr beeindruckt, und natürlich konnten sie sich im Miniaturwunderland nicht satt sehen an all den detailgetreuen Bauten. Nach einer Stärkung mit Pizza ging es dann zurück ins Schullandheim.

Und als ob die drei Wochen auf Erlenried nicht prall genug gefüllt gewesen wären, wurde nebenbei noch fleißig für das Ukrainische Dankfestfest geprobt. Die Mühe hat sich wahrlich gelohnt, denn schließlich präsentierten sich die Kinder bei strahlendem Sonnenschein einem großen Publikum. Gekommen waren der Bürgermeister und etliche Feuerwehrleute aus Großhansdorf, viele Mitglieder und Freunde von PRYVIT, sowie etliche Ukrainer und „unsere“ Flüchtlinge. Geboten wurde ein fulminantes Programm mit ukrainischen Liedern und Tänzen, die diesmal mit besonderer Freude und unter begeistertem Applaus des Publikums aufgeführt wurden. Aber wirklich berührt waren wir davon, wie die Kinder ihre ukrainische Nationalhymne sangen, mit einer solchen Inbrunst, als ginge es um ihr Leben – und ja, genau darum geht es!

Beim Abschiedsabend wiederholten die Kinder noch einmal alle Lieder und Tänze und waren dabei so fröhlich und ausgelassen, dass uns das Herz aufging. Schließlich erhielt jedes Kind ein Fotoheft, damit die Eltern und Geschwister sich ein Bild von diesem besonderen Sommer machen können. Aber auch ohne das werden die Kinder sich an den PRYVIT-Sommer 2026 sicher lange erinnern. Sie sind hier zu einer Gruppe zusammengewachsen und haben viele Freundschaften geschlossen. Den Krieg in der Ukraine mit der Bedrohung durch Drohnen und Raketen und dem ständigen Luftalarm konnten sie für drei selige Wochen vergessen.

Inzwischen sind sie wieder abgereist und heil bei ihren Familien angekommen. Am folgenden Tag lud PRYVIT die Familien der 20 Sommer-Kinder noch zu einem Großeinkauf im Supermarkt in Narodychi ein, eine große Hilfe für die Familien, denn kriegsbedingt sind die Warenpreise inzwischen enorm gestiegen. Wir danken allen Betreuern von Herzen und allen, die mit ihren Beiträgen und Spenden und mit vielerlei Hilfe dazu beigetragen haben, diesen PRYVIT-Sommer möglich zu machen!

Regine Fiebig, August 2026

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